EPD - Fluch oder Chance?
21. November 2018Über die bevorstehende Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) und den damit zusammenhängenden Auswirkungen wurde schon viel geschrieben. Während die einen den Schritt begrüssen und als längst überfällig schon fast mit Ungeduld erwarten, sind andere vor allem wegen den auf sie zukommenden Aufwänden durchaus skeptisch.
Schon an diesen beiden Einstellungen zur Einführung des EPD lassen sich die unterschiedlichen Erwartungshaltungen ablesen. Die einen sehen darin die Chance, heute verfügbare Technik auch im Gesundheitswesen sinnvoll einzusetzen und dadurch sowohl Kosten zu sparen als auch die Behandlungsqualität zu steigern. Andere sehen vor allem den auf sie zukommenden Aufwand und befürchten, dass letztlich die Patienten darunter leiden werden.
Wir zeigen in der Folge auf, welche Gedanken sich eine Gesundheitseinrichtung zur bevorstehenden Einführung des EPD machen sollte und wie sie sich optimal auf dessen Nutzung vorbereiten kann.
EPD-Anbindungsvarianten
Die Einbindung des EPD in den Behandlungsalltag einer Gesundheitseinrichtung kann auf verschiedene Weisen geschehen. Zentraler Punkt bei der Wahl der geeigneten Anbindungsstrategie ist dabei die Frage nach der künftigen Verwendung des EPD im eigenen Prozessgefüge. Die künftige Art der Verwendung des EPD beeinflusst die Variantenwahl massgebend. Liegt der Fokus auf einem minimalen Projektaufwand und soll damit lediglich den gesetzlichen Anforderungen Genüge getan werden, so bietet sich eine reine Portallösung an. Soll hingegen der grösstmögliche Nutzen aus der Verwendung des EPD gezogen werden, so ist eine teilweise oder vollständige Integration der EPD-Schnittstellen in die eigene Systemlandschaft in Betracht zu ziehen. Dies kann sowohl direkt oder über einen Medical Connector geschehen. Eine solche technische Integration des EPD in die eigenen Systeme erlaubt es, die eigenen Prozesse effizient zu gestalten und zusätzlichen Datenpflegeaufwand für das EPD zu vermeiden. Ein Hauptgewinn stellen dabei sicherlich die konsequente Vermeidung von Medienbrüchen und die Herbeiführung eines hohen Automatisierungsgrades dar. In der Folge werden die möglichen Anbindungsvarianten vorgestellt.
Variante 1: Portal
Die Portallösung stellt diejenige Lösung dar, mit welcher die gesetzlichen Anforderungen mit dem geringstmöglichen Aufwand erfüllt werden können. Alle EPD-Anwendungsfälle werden manuell über das Leistungserbringerportal abgewickelt. Eine technische Anbindung zwischen der eigenen IT-Architektur und den technischen Komponenten der EPD-Plattform findet nicht statt (Abbildung 1).

Abbildung 1: EPD-Anbindungsvariante «Portal»
Variante 2: Teilintegration
Die Variante der Teilintegration stellt einen Kompromiss in der Anbindung an die EPD-Plattform dar. Es werden zwar jeweils technische Schnittstellen zu allen EPD-Komponenten realisiert, jedoch wird nur ein Teil der EPD-Anwendungsfälle direkt in den Primärsystemen der Gesundheitseinrichtung abgewickelt. Ein Teil der Anwendungsfälle wird wie bei der Portallösung über das Leistungserbringerportal abgewickelt. Dabei sind verschiedene Kombinationen von integrierten resp. nicht integrierten Anwendungsfällen denkbar und hängen vom Angebot der Stammgemeinschaft sowie den im Betrieb stehenden Primärsystemen ab. Die zwei gängigsten teilintegrierten Varianten werden in der Folge dargestellt.
Variante 2a: Teilintegration Fach
Die Teilintegration Fach automatisiert die pflegerelevanten Anwendungsfälle. Die Anwendungsfälle, welche primär die Behandlungsprozesse der Gesundheitsfachpersonen betreffen, werden automatisiert. So wird namentlich das Hoch- und Herunterladen der behandlungsrelevanten Dokumente direkt in die bestehenden Primärsysteme eingebunden. Die Verwaltung der administrativen Daten wie zum Beispiel die Pflege der Patienten- und Gesundheitsfachpersonen-Stammdaten, wird manuell über das Leistungserbringerportal abgewickelt (Abbildung 2).

Abbildung 2: EPD-Anbindungsvariante «Teilintegration Fach»
Variante 2b: Teilintegration Administration
Im Gegensatz zur Teilintegration Fach werden bei der Teilintegration Administration vornehmlich die administrativen Anwendungsfälle wie z.B. das Anlegen einer Gesundheitsfachperson, die Mutation von Patientenstammdaten oder das Senden von Metadaten automatisiert. Dies bedeutet, dass die Patienten- und Gesundheitsfachpersonen-Stammdaten direkt aus den Primärsystemen übermittelt werden. Die technische Anbindung beschränkt sich mehrheitlich auf die Hauptkomponenten Master Patient Index (MPI) und Health Provider Directory (HPD) und den dazugehörigen Transaktionen zur administrativen Stammdatenpflege. Die Dokumente werden manuell über das Leistungserbringer-Portal hoch- und heruntergeladen (Abbildung 3).

Abbildung 3: EPD-Anbindungsvariante «Teilintegration Administration»
Variante 3: Vollintegration
Die Vollintegration zwischen den Systemen der Gesundheitseinrichtung und den Komponenten der EPD-Plattform bietet den höchsten Grad der Automatisierung und eliminiert Doppelspurigkeiten sowie Medienbrüche. Alle EPDAnwendungsfälle werden direkt in den bestehenden Primärsystemen abgewickelt, ohne die Zuhilfenahme des Leistungserbringerportales (Abbildung 4). Eine technische Anbindung der eigenen IT-Architektur findet mit allen Komponenten und Transaktionen statt. Dadurch bietet die Vollintegration den grössten Nutzen, erfordert aber in Vorbereitung und Projektdurchführung auch den grössten Initialaufwand.

Abbildung 4: EPD-Anbindungsvariante «Vollintegration»
Die hier vorgestellten Anbindungsvarianten stellen lediglich Beispiele dar. Jede Gesundheitseinrichtung muss sich Gedanken machen, wie sie das EPD nutzen will und welche der EPD-Anwendungsfälle automatisiert werden sollen. Daher muss bei der Definition des EPD-Zielbildes jeder Anwendungsfall separat betrachtet definiert werden.
Welche Anbindungsvariante ist die richtige für mich?
Wir haben soeben verschiedene Varianten zur Anbindung an eine EPD-Plattform kennengelernt. Doch welche ist nun die richtige für meine/unsere Gesundheitseinrichtung? Diese Frage kann durch die Beantwortung von vier Grundsatzfragen erarbeitet werden. Die Beantwortung dieser Grundsatzfragen und dadurch die Festlegung der künftigen Strategie zur Verwendung des EPD ist die erste Handlung in der Vorbereitung auf die EPD-Anbindung. Selten können diese Fragen direkt und ohne weitere Abklärungen zur Tragweite der Beschlüsse beantwortet werden. Die seriöse Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Varianten und ihren Einflüssen auf die aktuelle und künftige Serviceerbringung ist die Grundvoraussetzung für ein letztlich erfolgreiches Anbindungsprojekt.
Sind die Grundlagen geklärt und ist die künftige EPD-Strategie festgelegt, so kann die geeignete Variante anhand Entscheidungsbaumes im Anhang ermittelt werden.
Die EPD-Anbindung will gut vorbereitet sein
Die Anbindung einer Gesundheitseinrichtung an eine EPD Plattform will gut vorbereitet sein. Dabei stellt die technische Anbindung und die dazu eventuell notwendigen Anpassungen der eingesetzten Primärsysteme nur einen Aspekt der ganzen Arbeiten dar. Bevor das EPD im Behandlungsalltag wie gewünscht genutzt werden kann, ist eine gründliche Vorbereitung notwendig, welche die Eckpunkte des Anbindungsvorhabens bestimmt.

Abbildung 6: Anbindungsvorgehen
Die Vorbereitung beginnt mit der Aufnahme der eigenen Anforderungen, welche die Gesundheitseinrichtung an das EPD respektive an den Umgang damit stellt. Diese Anforderungen ergeben sich als Ableitung der EPD-Strategie, welche mit der Nutzung des EPD verfolgt werden soll und konkretisieren sich in den über das EPD abzudeckenden Anwendungsfällen. Zudem müssen im gleichen Atemzug die erwähnten Grundsatzentscheide gefällt und anhand des Entscheidungsbaumes eine Anbindungsvariante gewählt werden. In dieser Phase Vorbereitung müssen noch nicht alle offenen Fragen abschliessend geklärt werden. Dafür ist auch während der Durchführung des Anbindungsvorhabens Zeit (siehe auch Abbildung 6).
Der Anfang ist gemacht
Mittels der untenstehenden Vorgehensweise ist es uns gelungen, für die ersten drei Gesundheitseinrichtungen die jeweils geeignete Anbindungsvariante zu bestimmen und erfolgreich an die Plattform der Stammgemeinschaft XAD anzubinden. Die XAD Plattform wird betrieben durch die Betriebsgesellschaft axsana und baut auf die EPD-Technologie der Swisscom. Diese ersten Anbindungen von zwei Spitälern und einem Pflegeheim an die EPD-Plattform stellte einen geglückten Proof-of-Concept dar. Aufgrund dieser Anbindungen konnten Vorgehensweise und Dokumentation geschärft
und optimiert werden.

Abbildung 7 Allgemeines Vorgehensmodell für die EPD-Anbindung
Abbildung 7 zeigt das allgemeine Projektvorgehen, welches auf die EPD-Anbindung einer Gesundheitseinrichtung angewendet wird.
Die anhand dieser ersten drei erfolgreichen Anbindungen gemachten Erfahrungen wurden in ein schlankes, praxiserprobtes Vorgehen eingebracht, mit welchem die Gesamtheit der Gesundheitseinrichtungen effizient angebunden werden kann. Dabei wird der technische Aspekt erfahrungsgemäss relativ wenig Probleme verursachen, da hierauf jeweils ein starkes Augenmerk gelegt wird. Es sind die organisatorischen Anpassungen, welche die notwendige Beachtung erfordern und deren Planung und Umsetzung frühzeitig in Angriff genommen werden müssen. Denn das gesamte Umfeld einer EPD-Anbindung darf mit all seinen Beteiligten und Betroffenen – technische und organisatorische Leitung der Gesundheitseinrichtung, Gesundheitsfachpersonen, Führung der Stammgemeinschaft, Betreiber der technischen Komponenten der EPD-Plattform und der Primärsystem-Hersteller – durchaus als komplex bezeichnet werden.
Und mitten drin steht APP und begleitet mir ihren erfahrenen Expertinnen und Experten, den durch sie entwickelten Umsetzungshilfen und dem Anbindungsleitfaden die Gesundheitseinrichtungen auf ihrem Weg in die – hoffentlich goldene – Zukunft des EPD.
Möchten Sie mehr über dieses spannende Thema erfahren oder wissen, wie die APP auch Sie bei einem herausfordernden Vorhaben unterstützen kann? Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme.